Drittes Adventswochenende 2025 – endlich ist es so weit – 18:00 Uhr, am Samstag in Ober-Olm, am Sonntag in Zornheim – die Uraufführung des Weihnachtsoratoriums von Julian Mörth mit dem Ebersheimer Kammerorchester, dem Chor Evangelicanta, den Solisten Annick Mörth, Cathrin Haagn und Felix Boege und dem Sprecher Horst Scheffler. An beiden Tagen eine voll besetzte Kirche. Der Komponist selbst am Dirigentenpult.
Nach kurzen einführenden Worten der zuständigen Pfarrer beginnt das Oratorium leise aus der Stille des Nichts mit dem allmählichen Aufbau des ersten Akkordes durch Euphonium, Horn und Streicher, in den die raumfüllende Stimme von Felix Boege hereinbricht mit dem Beginn des Johannesevangeliums, „Am Anfang war das Wort“, mit dem uns Julian Mörth mitten hineinführt in ein emotionales Wechselbad, das uns das Paradox des Lebens selbst zeigt: Licht inmitten von Dunkelheit, Hoffnung und Freude in der Ausweglosigkeit von Schuld und Trauer, die Innigkeit von Mutter und Kind in der Trauer um ein ermordetes, totes Kind einer anderen.
Und so werden die Zuhörer mitgenommen in das Hin und Her vom verzweifelten Anrufen fremder Götter zum Erschrecken über Gottes Strafe – unterstrichen durch die Pauke – bis hin zur Verheißung eines Retters. Horst Scheffler überzeugt als dramatischer Sprecher. Ob er wohl je zuvor diese Bibeltexte so gelesen hat? Mit einem neuen Satz des bekannten Liedes „O komm, o komm Immanuel“ nähert sich das Stück einem ersten Höhepunkt, an den sich die Verkündigung anschließt.
Annick Mörth, in der Rolle des Engels, brilliert mit ebenso glockenklarer wie gewaltiger Stimme. Und Cathrin Haagn als Maria zeigt mit der Klarheit ihres Soprans die Reinheit und fast Kindlichkeit der Mutter Jesu, um dann aber in dem darauffolgenden Magnificat zu großer Kraft und Stärke aufzublühen. Dem steht Felix Boege in nichts nach, wenn er im Lobgesang des Zacharias im wahrsten Sinne des Wortes mit Pauken und Trompeten und diese übertönend die Mauern der Kirche zu sprengen scheint.
Der zentrale Punkt der Weihnachtsgeschichte, die Geburt Jesu, geschieht in völliger Ruhe und Seligkeit. Über wunderschönen, gedämpften Streicherakkorden summt der Chor aus der Ferne die Melodie von „Zu Bethlehem geboren“. Dann geht rein instrumental der Stern über Bethlehem auf. Hirten machen sich freudig und voll Neugier auf den Weg und Sterndeuter, gesungen von den Solisten, machen unter langsam schreitenden, orientalisch anmutenden Klängen dem Kind ihre Aufwartung.
Plötzlich befiehlt der Engel Josef, nach Ägypten zu fliehen, da Herodes das Kind töten will. Und schon bricht das Chaos aus, Menschen rennen und schreien durcheinander und versuchen, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Doch es ist vergebens: Als sich der Tumult gelegt hat und Annick Mörth „Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren nicht mehr“ singt, kommen manchem im Publikum die Tränen.
Fast kann man es nicht fassen, dass Maria in dieser Situation ein inniges Wiegenlied singen kann. Singen die Mütter in der Ukraine und in Palästina, im Sudan und in irgendeiner anderen Krisensituation nicht auch Wiegenlieder? Cathrin Haagns Darbietung des Wiegenlieds nach diesem entsetzlichen Sturm ist herzzerreißend schön und bildet den dramatischen Höhepunkt des ganzen Stücks.
Recht unvermittelt mündet das letzte Engels-Rezitativ in den fulminanten Schlusschor dieses Oratoriums „Ehre sei Gott in der Höhe“. Die Drangsal des Anfangs wird noch einmal aufgenommen, jetzt aber im Wissen um deren Ende. Und dann kommt mit Sätzen des Angelus Silesius – gesungen von den Solisten – noch einmal eine andere Farbe: Aus Dunkelheit kommt Licht, das Leben aus dem Tod. Christus wird in dir geboren. Erst dann ist Weihnachten. Dann ist der Himmel aufgetan. Zum Schluss kommen alle Stimmen zusammen und singen, begleitet von gewaltigen Orchesterakkorden, gemeinsam noch einmal „Ehre sei Gott in der Höhe“.
Langer, tosender Applaus für dieses großartige Stück ist die Belohnung für die herausragende Leistung aller Beteiligten. Der Chor überzeugt mit einer Bandbreite an Emotionen, von Freude beim Eingangschor „Alle Dinge sind durch das Wort gemacht“, über Demut bei der Geburt Jesu bis hin zu Verzweiflung und Angst bei der Flucht nach Ägypten, während das Orchester trotz der kleinen Besetzung eine große Fülle an verschiedenen, zur Geschichte passenden Klangfarben zu produzieren weiß.
Und in allen Gesichtern ist am Ende ein Stück Weihnachten zu sehen. Es ist zu wünschen, dass dies nicht die letzte Aufführung des Werkes war.
Barbara Mutschler und Julian Mörth
Foto: Nicole Weisheit-Zenz